Egalitarismus der Gier und des Neides

03.06.2003


"Ist nicht genug zu haben genug?" Glück, Güter, Gerechtigkeit - Blick in philosophische Zeitschriften


KÄTHE TRETTIN

Was macht etwas zu einem Gut, nach dem wir streben? Platon rechnet zu den erstrebenswerten Gütern etwa Reichtum und Besitz, Gesundheit und ein positives äußeres Erscheinungsbild, einen guten Ruf, verschiedene Kompetenzen und Qualitäten, darunter Lernfähigkeit, Gedächtnis und Urteilskraft; ferner gehören für ihn zu den agatha Tugenden wie Großzügigkeit, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Besonnenheit und Weisheit. Auch Aristoteles gesteht den "nicht-seelischen", materiellen Dingen eine Bedeutung zu und führt zudem einige soziale Güter an, zum Beispiel eine geordnete und erfolgreiche Polis, zuverlässige Freunde usw. Das eigentlich Gute an diesen Gütern liege jedoch nicht in ihnen selbst, sondern in ihrer Relevanz für ein glückliches menschliches Leben.

Dass die "Ordnung der Güter" von ihrer Bedeutung für ein objektiv gelingendes Leben (eudaimonia) abhängig sei, hebt Christoph Horn (Bonn) im Jahrbuch Philosophiegeschichte und Logische Analyse hervor, um ein Vorurteil gegenüber der antiken Ethik auszuräumen. Dieses Vorurteil besteht darin, dass die antike Ethik sich nicht auf den Begriff des moralisch angemessenen, sondern auf den des prudentiellen vorteilhaften Handelns stütze. Während Platons Grundfrage "Wie soll man leben?" eine reine Klugheitsfrage sei, so das Vorurteil, habe erst Kants Ausgangsfrage "Wie soll man handeln?" einen moralischen Kern. Müssen jedoch, so Horn, Fragen der gelingenden Lebensführung stets aus der Klugheitsperspektive gestellt und beantwortet werden?

Seiner Interpretation der einschlägigen Texte zufolge lässt sich dies bestreiten. Denn nach antiker Auffassung sei jede Handlung eines Individuums "Bestandteil eines kohärenten Strebensganzen". Für Platon bilde die Idee des Guten das letzte Ziel und die metaphysische Ursache aller Tugenden, für Aristoteles bestehe das objektive Glück in der vollständigen Entfaltung der zentralen Anlagen und Fähigkeiten eines Individuums. Dabei seien die einzelnen auf dieses Ziel gerichteten Handlungen nicht "bilanztechnisch" zu verstehen (je mehr einzelne Güter, desto besser), sondern in ihren unterschiedlichen Bedeutungen für die Erfüllung des Strebensziels selbst. Das antike Modell sei daher nicht bloß auf die Klugheitserwägungen der Akteure zurückzuführen, sondern auf ein "inklusives Lebensszenario" bezogen und dadurch mit einer universalistischen modernen Moralauffassung durchaus verträglich, wenn nicht gar dieser überlegen.

Dass die Problematik des guten Lebens in der gegenwärtigen politischen Philosophie eine zentrale Rolle spielt, zeigt die jüngste Kontroverse über die Frage, welche Rolle der Gleichheit in Theorien der Gerechtigkeit zukommt. Ist Gleichheit ein Eigenwert oder ist sie nur ein abgeleiteter Wert? Ist Gleichheit der höchste Wert sozialer Gerechtigkeit oder bloß ein untergeordneter? Die Deutsche Zeitschrift für Philosophie widmet diesem Disput in ihrem jüngsten Heft einen Schwerpunkt, der sehr zur Lektüre empfohlen werden kann, obwohl es ihm gewissermaßen an Diskursethik mangelt: Anstatt zunächst einmal einen Vertreter der Gleichheitsthese zu Wort kommen zu lassen, bevor die Kritiker loslegen, beginnt die Sache mit den Kritikern, so dass sich der Egalitarist, Stefan Gosepath (Potsdam/Berlin), unversehens als Schlusslicht, in der defensiven Rolle des gleichzeitigen Befürworters und Verteidigers wiederfindet - eine Rolle, die keiner Argumentation besonders gut tut.

In der Sache können die Kritiker denn auch durchaus Punkte verbuchen. Der zentrale Einwand von Angelika Krebs (Basel) gegen die Egalitätstheorie ist, dass darin Gleichheit mit Allgemeinheit verwechselt werde. Illustriert am viel zitierten Beispiel des gerecht zu verteilenden Kuchens gehe es nicht darum, dass alle ein gleich großes Stück bekommen, sondern dass alle satt werden. Gerechtigkeit sei an verallgemeinerbaren Bedürfnissen von Menschen zu messen und nicht daran, ob alle gleich viel von etwas haben. Die elementaren Standards der Gerechtigkeit seien nicht-relationaler Art. "Sie verlangen etwa, dass jeder Mensch Zugang zu Nahrung, Obdach und medizinischer Grundversorgung haben muss. Sie verlangen, dass jeder Mensch sich in seiner Gesellschaft zugehörig, als ,einer von uns', fühlen können soll. Diese Standards geben absolute Schwellenwerte vor." Es komme, so Krebs in Anlehnung an Harry Frankfurt (vgl. FR vom 20. Mai 2003), darauf an, ob Menschen ein gutes Leben führen, und nicht, wie deren Leben relativ zu dem Leben anderer steht.

Ein gelungenes Beispiel kritischer Argumentation ist der Beitrag von Thomas Schramme (Mannheim). Er bezieht sich nicht auf die Egalitätstheorie im Ganzen, sondern konzentriert sich auf deren zentrales Prinzip - die so genannte Gleichheitspräsumtion, um diese dann allerdings vollständig auseinanderzunehmen. Die Gleichheitspräsumtion ist die Annahme, dass gleiche Behandlung und gleichmäßige Verteilung ohne Begründung vorauszusetzen sei, während Abweichungen davon der Begründung bedürften. Zunächst macht Schramme deutlich, dass Gleichbehandlung keinen ausgezeichneten Status beanspruchen könne, sondern durchaus zu begründen sei. "Denn wenn man verpflichtet ist, gegenüber einer Person X in einer bestimmten Weise zu handeln - beispielsweise ihr zu helfen -, dann ist man das gegenüber jeder Person, welche ein bestimmtes Kriterium P erfüllt, beispielsweise jeder Person, die Schmerzen erleidet." Wenn Person Y das Kriterium erfüllt, habe man einen Grund, sie in bestimmter Weise zu behandeln. Dass sie gleich behandelt wird wie X, folge als Nebenprodukt.

Käthe Trettin ist Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Frankfurt/Main

Frankfurter Rundschau 2003, 3.6.2003