"Das Gebot der Gleichberechtigung ist nicht verhandelbar"

27.12.2003


EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou sieht im Kampf für die Rechte von Frauen wirtschaftliche Argumente oft als das einzig wirksame Mittel  

Die Griechin Anna Diamantopoulou ist seit 1999 eine von fünf weiblichen Kommissaren in Brüssel. Sie ist für Beschäftigung und Soziales zuständig sowie für die Frauen in Europa. Die 1959 geborene Bauingenieurin ging schon mit 26 Jahren in die Politik. Ihr Motto lautet: „Lieber ein kleiner Erfolg als eine große Niederlage.“

SZ: War 2003 ein gutes oder ein schlechtes Jahr für Europas Frauen?

Diamantopoulou: Unser Vorschlag für gleiche Versicherungstarife und Dienstleistungen für Männer und Frauen hat eine neue Ära eingeläutet. Zum ersten Mal versuchen wir, europaweit die Gleichberechtigung außerhalb des Arbeitsplatzes durchzusetzen. Das hat für mich dieselbe Bedeutung wie die EU-Richtlinie über gleichen Lohn für gleiche Arbeit oder sogar wie das früher erkämpfte Stimmrecht für Frauen. Allerdings habe ich damit auch die bisher größte Enttäuschung in meinem Amt erlebt.

SZ: Wieso?

Diamantopoulou: Vor allem deutsche und britische Medien haben so getan, als sei der Teil des Vorschlags, der sich mit sexistischen Fotos und frauenfeindlicher Werbung befasst, eine Sache von Krieg und Frieden. Dabei wollte ich die Medien nie einem Brüsseler Dirigismus unterwerfen. Trotzdem haben mich diese Blätter wie eine hässliche graue Feministin abgebildet und meinen Kopf auf einen halbnackten Frauenkörper montiert. Ich war so wütend. Mit einem Mann hätten sie das nicht getan.

SZ: Haben die 15 Männer in der Kommission Sie denn unterstützt?

Diamantopoulou: Romano Prodi war sehr hilfreich. Er ist wirklich ein Freund der Frauen. Auch von Außenkommissar Chris Patten und Wettbewerbskommissar Mario Monti bekam ich viel Zuspruch.

SZ: Die EU leistet sich eine „Rahmenstrategie zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern“. Woran fehlt es noch in Europa?

Diamantopoulou: Frauen sind vor allem in den höheren Etagen der Arbeitswelt unterrepräsentiert. Ganz wichtig war es daher, dass die Regierungschefs auf dem Gipfeltreffen der Europäischen Union in Barcelona als Ziel festgelegt haben, dass für 90 Prozent der Kinder ab drei Jahren Kindergartenplätze verfügbar sein müssen. Erstmals haben sich Männer auf dieser Ebene mit Kindergartenplätzen beschäftigt. Das haben sie allerdings nur getan, weil die mangelhafte Beteiligung der Frauen in der Arbeitswelt ein großes ökonomisches Problem darstellt.

SZ: Was wollen Sie gegen gewalttätige Männer unternehmen? Handgreiflichkeiten gegen weibliche Partner machen angeblich ein Viertel aller gemeldeten Gewaltakte in Europa aus.

Diamantopoulou: Diese Gewalt passiert im Norden wie im Süden, bei Arm und Reich, in gebildeten und ungebildeten Familien. Leider wird diese Gewalt in manchen Staaten noch nicht einmal als Verbrechen gewertet. Die EU hat hier keine gesetzlichen Kompetenzen. Wahrscheinlich kommen wir wieder nur weiter, wenn wir auf die wirtschaftlichen Folgen hinweisen. Einer niederländischen Studie zufolge sind das allein in diesem Land zehn Millionen Euro pro Jahr.

SZ: Millionen muslimischer Frauen leben in Europa. Welche Folgen hat das für die Politik der Gleichstellung?

Diamantopoulou: Das Gebot der Gleichberechtigung ist nicht verhandelbar. Daran müssen sich alle halten, die hier leben. Was den Schleier angeht, so ist meine persönliche Überzeugung, dass es in den Schulen allen Mädchen bis 18 Jahren verboten sein sollte, einen Schleier zu tragen. Für erwachsene Frauen – ob Studentin oder Lehrerin – sollte es jedoch erlaubt sein.

Interview: Cornelia Bolesch


sueddeutsche.de 27.12.2003