Horror in den eigenen vier Wänden

09.07.2003


Wenn Väter oder Mütter ihre Familien auslöschen, glauben sie sie vor einer feindlichen Welt zu schützen

Von Micha Hilgers

Jedes Jahr begehen in Deutschland etwa 11 000 Menschen Selbstmord - weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Ganz anders die wenigen Aufsehen erregenden Fälle von Familientragödien, bei denen der Täter Ehepartner und Kinder umbringt, bevor er sich selbst tötet. Der jüngste Fall ereignete sich am vergangenen Wochenende in Blieskastel im Saarland. Dort war eine 31-jährige Frau erwürgt und mit schweren Kopfverletzungen in ihrer Wohnung gefunden worden. Ihr früherer Lebenspartner, der den Mord angekündigt hatte, erhängte sich in seiner Wohnung.

Ähnliche Familientragödien ereigneten sich im Juni im Saarland, wo ein 70-jähriger Vater seine 35-jährige Frau und seine beiden Kinder erschoss. Im nordhessischen Vöhl erschoss im Mai ein Kriminalbeamter seine Frau, die beiden Kinder und dann sich selbst, weil er für seine Familie keine Zukunft mehr gesehen hatte.

Während die Statistiken über gewöhnliche Suizide genaue Aufschlüsse geben, zum Beispiel, dass nur 26 Prozent der Selbsttötungen von Frauen begangen werden, liegen jedoch kaum gesicherte Erkenntnisse über die Zahl der so genannten erweiterten Suizide vor. Allerdings zeigt die Kriminalstatistik, dass die Familie kein sicherer Hort in einer unsicheren Welt ist - im Gegenteil. Einer von drei Morden oder Totschläge erfolgt im Familienkreis. Wenn man den engeren Freundeskreis hinzuzählt, dann sind es sogar zwei von drei Morden, die in diesem Umfeld geschehen.

Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 955 Morde und Totschläge. Darunter waren 543 Opfer männlich. Von Familienangehörigen wurde jedes vierte männliche Opfer umgebracht. Von den 412 weiblichen Toten wurde aber jedes zweite Opfer (52,4 Prozent) durch Familienmitglieder umgebracht. Das zeigt, auch wenn die Statistik das nicht genau aufschlüsselt, dass Frauen ein sehr viel höheres Risiko tragen, vom Ehemann umgebracht zu werden.

Die wenigen spektakulären Fälle, bei denen oft ganze Familien - meist vom Vater - umgebracht werden, bevor sich der Täter selbst das Leben nimmt, sind nicht zu verwechseln mit Amokläufen: Beim Amok werden die Opfer wahllos, oft zufällig ausgesucht. Häufig sollen möglichst viele sterben oder Repräsentanten eines Unrechts werden als Opfer ausgesucht - in Erfurt die Lehrer eines Gymnasiums. Es kann aber auch jeden beliebigen Passanten treffen - wie jetzt in Düsseldorf die Besucher von Straßencafés. Der Amoklauf ist die finale Abrechnung mit der feindlichen Welt.

Demgegenüber wird die Familientötung in Abschiedsbriefen oft als Rettung der Angehörigen vor einer feindlichen Welt dargestellt. Eine dieser gewalttätigen Ausbrüche gegen die eigenen Angehörigen hat jetzt Kamil Taylan für die ARD-Serie "Familientragödien" in Zwintschöna recherchiert.

Fred Wagner aus Zwintschöna bei Halle tötete am Abend des Karnevalssamstag 2000 zunächst seine Frau und drei seiner vier Kinder. Am Morgen des nächsten Tages erwachte seine 17 Monate alte Tochter. Der Vater legte sich zu ihr, kuschelte noch 30 Minuten mit ihr und erstickte sie dann mit einem Kopfkissen. Erst am Aschermittwoch versuchte sich auch Fred Wagner das Leben zu nehmen. Vergeblich - er wurde von der Polizei mit aufgeschnittenen Pulsadern in seinem Wagen gefunden und noch im gleichen Jahr zu 13,5 Jahren Haft verurteilt.
Fred Wagner hatte für sich und seine Familie keine Perspektive mehr gesehen. Doch die Ausweglosigkeit ist sehr subjektiv. Wagner war zwar finanziell am Ende, doch seine Finanzmisere bedeutete für ihn keine existenzielle Bedrohung. Tatauslösend war vielmehr die für ihn unvermeidlich gewordene "Schmach und Schande" - hier lag für Wagner die wirkliche Bedrohung. Fred Wagner glaubte, seine Familie vor dieser Demütigung zu schützen, als er sie tötete: "Deshalb habe ich mich zu dieser Tat entschlossen, weil ich meine Familie liebe."

Teil des Selbst
Ungewollt bringt Wagner damit die Dynamik so genannter erweiterter Suizide auf den Punkt: Der Täter unterscheidet nicht zwischen der eigenen Person und seinen Angehörigen. Was für ihn gilt, muss für seine Familie genauso sein. Andere nahe stehende Menschen werden demnach nicht als eigenständige Personen mit subjektivem Erleben und Fühlen begriffen, sondern lediglich als Teil des Selbst erlebt. Der zunächst abwegig anmutende wissenschaftliche Begriff des so genannten erweiterten Suizids übernimmt die Perspektive des Täters: Getötet wird nicht nur die eigene Person, sondern zugleich ihre Erweiterungen, nämlich Angehörige, die als Teil des Selbst verstanden werden.
Auf diese Weise werden Taten verständlich, die sonst nur Abscheu und Entsetzen auslösen. Denn über sich selbst darf der Täter in seinen Augen verfügen, ebenso über die Erweiterungen des Selbst, nämlich seine Familie. Das Fehlen von angemessenen Schuldgefühlen, von Scham und tiefer Trauer wird so verständlicher: Getötet wurden eigentlich keine wirklich anderen Personen sondern lediglich Teile des Selbst. Und für solche Teile der eigenen Person glaubt der Täter naheliegenderweise auch zu wissen, was seinen Angehörigen gut tut. Dass Kinder oder Partner möglicherweise das eigene Leben auch ohne ihn als sinnerfüllt und lebenswert empfinden könnten, ist nicht vorstellbar, oft jedoch auch unerträglich - würde dies doch die Bedeutung der eigenen Person relativieren.

Gutachter Professor Andreas Marneros spricht daher von einer narzisstischen Persönlichkeitsstruktur: Mit großem Pathos erlebte sich Wagner immer als der Beste. Der Zusammenbruch dieser Größenidee solle durch die Tötung der Familie und der eigenen Person verhindert werden. Denn Frau und Kinder stellen buchstäblich den glänzenden Spiegel für das Selbst dar - solange jedenfalls das Bild eigener Größe aufrechterhalten werden kann. Die Welt eines Fred Wagners hat mithin die eigene Person als einzigen Mittelpunkt. Das äußert sich in typischen Abschiedsbriefen von Suizidanden, die vor dem eigenen Tod Familienangehörige umbringen. Häufig wird die Erlösung der Familie von irdischem Leid, Schmach oder Schande fantasiert.

Der Mörder imaginiert sich als Retter und Befreier.
Regelmäßiges Element des Erlebens des Täters und seiner Abschiedsbriefe ist das Gefühl, betrogen, ungerecht behandelt oder als einzigartige Person verkannt zu werden. So auch Fred Wagner in seinem Abschiedsbrief: "Zu oft wurde ich betrogen und ausgenutzt von gewissenlosen Menschen, welche auf meine Kosten reich werden sollten. Ich war für andere da. Das war mein Verderb. Zu gutgläubig und zu gutmütig." Das zu Tage tretende extreme Selbstmitleid verweist auf die Ich-Bezogenheit des Täters, der nicht realisiert, dass andere Menschen ihre eigene Welt und ihr eigenes Erleben haben.

Diese Selbstbezogenheit ist auch Motiv für eine andere Gruppe von Suizidanden, die vor der Selbsttötung Freundin oder Ehefrau, Kinder oder manchmal auch noch weitere Angehörige mit ins Verderben reißen. Die Ausweglosigkeit der eigenen Lage wird nämlich auch dann zur tödlichen Falle, wenn sich Partner trennen - womöglich mit gemeinsamen Kindern. Beiden Gruppen von erweitertem Selbstmord ist gemeinsam, dass die nahen Angehörigen nicht als unabhängige Personen mit autonomem Lebensrecht gesehen werden. Fred Wagner tötet seine Familie, um sich vor dem Zusammenbruch seines Größenselbst und den damit verbundenen Schamaffekten zu schützen, im Glauben, dies gelte auch für seine Angehörigen.

Mörderische Wut
Demgegenüber bringen Männer, die sich von Trennung bedroht fühlen, ihre Familie um, weil sie Kind und Ehepartner kein autonomes Existenzrecht zubilligen wollen. In diesen Fällen tritt die mörderische Wut des Täters offener zu Tage, die Tötungen werden nicht als Befreiung oder Wohltat für die Angehörigen dargestellt. In ihren Abschiedsbriefen betont aber auch diese Tätergruppe immer wieder die von ihnen erlebte Aussichtslosigkeit ihrer Lage.
Meist - nicht immer - sind die Täter Männer. Familienmitglieder dienen ihnen als instrumentelle Bewunderer und Bestätigung subjektiver Realität. Wann immer diese Konstruktion in Frage steht - ob durch Trennungswünsche oder äußeren Druck - die Illusion eigener Größe soll um jeden Preis aufrechterhalten werden. Verglichen mit buchstäblich lebensnotwendigen Größenideen ist das tatsächliche Leben von Angehörigen oder der eigenen Person allemal nur eine relative Größe.

Fernseh-Tipp:
Die ARD startet am kommenden Montag, 14. Juli, 21.45 Uhr die Serie "Familientragödien" mit dem Film "Die Bluttat von Zwintschöna". Gezeigt werden Fälle aus der Nachbarschaft, die zu großen Trägodien führen, zum Amoklauf in der Familie. Weitere Folgen am 21. Juli (21.45 Uhr) und 24. Juli (23 Uhr)

Der erweitere Suizid
Im Gegensatz zu Suizidversuchen ist der vollendete Suizid bei Männern viel häufiger als bei Frauen. Alkohol, Drogen und soziale Isolation bei älteren Männern wirken begünstigend.
Die Tötung von nahen Angehörigen steht häufig in Zusammenhang mit schweren psychischen Erkrankungen, besonders mit Psychosen. Der erweiterte Suizid kommt besonders häufig bei Personen mit Persönlichkeitsstörungen vor.
Als Prävention wird der Zugang zu Waffen und Waffenscheinen diskutiert, die Erkennung von Depression in der allgemeinärztlichen Praxis und die konsequente medikamentöse Behandlung von Depressionen. Gesicherte Erkenntnisse über erweiterten Suizid liegen kaum vor. Auch wenn der Suizid nur die eigene Person betraf, erleben Angehörige die Selbsttötung häufig als massive Attacke.

Der Autor
Micha Hilgers Psychoanalytiker in Aachen. Seine FR-Artikel sind als Bücher bei Vandenhoek und Ruprecht erschienen: "Leidenschaft, Lust und Liebe. Psychoanalytische Ausflüge zu Minne und Missklang" und "Das Ungeheure in der Kultur. Psychoanalytische Aufschlüsse zum Alltagsleben".

aus der Frankfurter Rundschau 9.7.2003