Schnellstmöglich Präventionsgesetz für gewaltfreies Leben von Frauen

24.06.2005


Aktionstag für Frauengesundheit

zwd Berlin (sop) - Das geplante Präventionsgesetz muss schnellstmöglich in Kraft treten, damit Frauen und Kindern endlich ein gewaltfreies Leben ermöglicht werden kann. Das hat das Netzwerk Frauengesundheit Berlin am 28. Mai zum Internationalen Aktionstag für Frauengesundheit gefordert, der sich in diesem Jahr dem Thema „Gewalt gegen Frauen“ angenommen hat.
Wie die Sprecherin des Netzwerks, Martina Schröder, in Berlin betonte, bedeute Prävention „nicht nur, sich gesund zu verhalten und zu ernähren, sondern schließt Gewaltprävention als Gesundheitsziel“ ebenso mit ein. Dass Gewaltprävention ein wichtiges Anliegen sein muss, wird durch eine Studie der Weltbank deutlich vor Augen geführt: Danach fällt weltweit einer von fünf gesunden Tagen im Leben einer Frau im reproduktiven Alter der Gewalt zum Opfer.

Am 27. Mai war der Entwurf für ein Präventionsgesetz vom Bundesrat abgelehnt und an den Vermittlungsausschuss überwiesen worden. Die Länderkammer erteilte der geplanten Stiftung „Prävention und Gesundheitsförderung“ wegen des bürokratischen Mehraufwands eine klare Absage - und das obwohl sich im Vorfeld des parlamentarischen Verfahrens eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe auf Eckpunkte für ein solches Gesetz geeinigt hatte, eingeschlossen eine solche bundeseinheitliche Stiftung.

Der Schwerpunkt in der Präventionsdebatte müsse auf die Professionellen gelegt werden, davon ist Angelika May vom Berliner Interventionsprojekt S.I.G.N.A.L. überzeugt. Denn das Problem Gewalt werde im Hilfesystem in vielen Fällen nicht erkannt. „Oft schweigen sie, weil sie nicht wissen, was sie mit der Antwort anfangen sollen.“ Gemeint sind die Ärztinnen und Ärzte, die häufig erste AnsprechpartnerInnen für von Gewalt betroffene Frauen sind. Damit diese professionell und der Situation angemessen reagieren , schult S.I.G.N.A.L. unter anderem KlinikärztInnen und Pflegekräfte.

May: „Blick genügt nicht, es geht um Handeln“
Dabei hatte der Deutsche Ärztetag auf seinem Berliner Jahreskongress Anfang Mai in einem Antrag den Vorwurf entschieden zurückgewiesen, für das Problem "Gewalt an Frauen" nicht ausreichend sensibilisiert zu sein. Dies entbehre jeder empirischen Grundlage. May jedoch weiß aus Erfahrung: „Der Blick allein genügt nicht. Es geht um Handeln.“ Sie spricht der Ärzteschaft durchaus die Sensibilität zu: Viele wüssten genau zu unterscheiden zwischen dem oft von Frauen aus Scham angeführten „Treppensturz“ und einer Verletzung aufgrund äußerer Gewalteinwirkung. Gleichzeitig weiß May aber auch, weshalb viele ÄrztInnen trotzdem tatenlos bleiben: „Sie geben an, keine Zeit zu haben, sind nicht geschult in der Gesprächsführung.“

Ein weiteres Problem sieht die S.I.G.N.A.L.-Mitarbeiterin in der mangelhaften Dokumentation. Viele Ärzte und Ärztinnen schrieben unleserlich oder bagatellisierten eine Gewalttat auf dem Diagnosezettel als „Familienrauferei“. Dann aber seien die Angaben vor Gericht nicht verwertbar und könnten nicht genutzt werden, um Anzeige gegen den Täter zu erstatten. S.I.G.N.A.L. hat deshalb eigens Dokumentationsbögen erstellt, die einer Verwertbarkeit vor Gericht Stand halten.

Frage nach Gewalterfahrung muss in die Routine Eingang finden
May ruft die ÄrztInnen auch dazu auf, die Frauen auf eine mögliche Gewalterfahrung anzusprechen. Dass die routinemäßige Nachfrage des Arztes oder der Ärztin - ebenso wie die nach dem Alkoholkonsum oder einer Schwangerschaft - von Frauen durchaus befürwortet wird, hat eine Befragung von 800 Patientinnen der Berliner Uniklinik Benjamin Franklin ergeben. Danach hielten fast 80 Prozent der befragten Frauen eine solche Frage nach Gewalterfahrung in der Ersten Hilfe-Anamese für wichtig. Für den Fall, dass betroffene Frauen direkt auf das Problem angesprochen werden, weiß die S.I.G.N.A.L.-Mitarbeiterin aus ihrer täglichen Arbeit auch: "Die betroffenen Frauen fühlen sich dann das erste Mal ernst genommen."

Iris Hölling von Wildwasser e.V. bedauert, dass in der öffentlichen Debatte um Zwangsheirat und so genannte Ehrenmorde völlig außer acht gerate, dass Fälle sexualisierter Gewalt in Deutschland nach wie vor an der Tagesordnung seien. So seien jedes vierte Mädchen und jeder 13. Junge vor dem 14. Lebensjahr mindestens ein Mal sexuell missbraucht worden. Die Nachfrage nach Angeboten wie Wildwasser zeigt sich laut Kölling darin, dass sich in Berlin alle vier bis sechs Wochen eine Selbsthilfegruppe mit etwa zehn bis zwölf Frauen gründe. Das staatliche Beratungssystem sei auf diesen Bedarf jedenfalls nicht eingestellt: In Berlin gibt es keine explizit für dieses Thema kompetente Krisenstelle, mehrstufige Angebote, die dem Problem nachhaltig begegnen, sind wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu suchen - ganz zu schweigen von den langfristigen Folgen: Viele der betroffenen Frauen werden psychiatrisiert, mit zum Teil unnötigen Folgekosten. Eine andere Praxis: Die Frauen werden ruhig gestellt, das Problem mit Medikamenten zu behandeln gesucht. Von Gewalt traumatisierte Frauen erhalten fünf Mal mehr Schmerzmittel als andere Frauen, berichtet Angelika May.

Seit dem Jahr 1987 wird der 28. Mai als Internationaler Aktionstag für Frauengesundheit begangen. Organisiert wird er vom Women’s Global Network for Reproductive Rights mit Sitz in Amsterdam. Seit Ender der 90er Jahre stehen an diesem Tag nicht nur die Themen „Müttersterblichkeit“ und „Erkrankungen von Müttern“ im Brennpunkt, sondern auch Probleme wie Aids, Gesundheitreform, der Zugang zur Gesundheitsversorgung und die Verbesserung der Gesundheit von Frauen.

Quelle: ZWD - Zweiwochendienst, 22.06.2005

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