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Von Frauen, die das "falsche" Chromosomenpaar haben und damit zugleich auch Männer sind
VON RENATE HALLER
Wann ihre unbeschwerte Kindheit zu Ende war, weiß Eva Schmidt (Name von der Redaktion geändert) nicht genau. "Das war so schleichend", sagt sie. Die anderen Mädchen in ihrer Klasse bekamen langsam Brüste und eine nach der anderen erzählte von der ersten Periode. Eva hatte nichts zu erzählen: "Bei mir war nichts. Ich habe ein paar Schamhaare bekommen." Zunehmend beschlich sie das Gefühl, "anders zu ticken als die anderen". Und so, wie dieses Gefühl an Macht gewann, schwand der Kontakt zu Gleichaltrigen. "Mit 15 musste ich auf eine Schulparty. Ich habe vier Stunden in der Ecke gestanden. Es war einfach furchtbar."
Die ausbleibende körperliche Entwicklung galt ihr und ihren Eltern als Anzeichen für eine Spätentwicklerin, die Einsamkeit wurde auf ihre Korpulenz geschoben. "Ich dachte, ich muss einen Freund haben, um dazuzugehören. Den Freund kriege ich aber erst, wenn ich schlank bin." Die Mutter formulierte es wenig taktvoll: "So wie du aussiehst, kriegst du nie einen Freund."
Eva begann, immer neue Diäten zu machen. Der Kampf um das richtige Gewicht wurde zum zentralen Bestandteil ihres Lebens. An ihrer Außenseiterrolle aber änderte sich nichts. Eva fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. "Ich konnte mich mit den anderen nicht über Schminke, Kleidung und Jungs unterhalten. Das ging einfach nicht."
Als sie 16 Jahre alt war schickte der Hausarzt sie wegen der ausbleibenden Entwicklung zum Gynäkologen. Wenige Wochen später wusste Eva, dass ihr Gefühl richtig war, dass sie tatsächlich anders war als die anderen Mädchen. "Aus dir hätte eigentlich ein Junge werden sollen", sagte der Arzt.
Anhaltende Bitterkeit
Frauen haben zwei X-Chromosomen, Eva Schmid hat XY und damit einen männlichen Chromosomensatz. Die XY-Frauen gehören zur Gruppe der intersexuellen Menschen, bei denen sich im Mutterleib kein eindeutig weibliches oder männliches Ge-schlecht entwickelt hat. "Wir sprechen von einer Störung der somatosexuellen Entwicklung", sagt die Kinderärztin Ute Thyen, kommissarische Leiterin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Sprecherin des Netzwerks Intersexualität. Bei Intersexuellen gibt es Unterschiede zwischen dem chromosomalen Geschlecht, den inneren Geschlechtsorganen und dem Erscheinungsbild der äußeren Geschlechtsorgane. Betroffen davon seien etwa ein bis zwei Menschen von 10 000.
Für Eva Schmidt begann mit der Diagnose XY ein Albtraum. "Meine Mutter war ja beim Arzt dabei. Wir sind dann in ein Café gegangen und sie hat angefangen über den nächsten Urlaub zu sprechen, als sei nichts gewesen." Bitterkeit schwingt in Evas Stimme noch 13 Jahre nach der Episode mit. Damals erlebte sie ihre Mutter als gefühlskalt, heute weiß sie, dass diese genauso geschockt und hilflos war wie sie selbst.
Die Mutter fing an, sich zu informieren und Termine bei Ärzten und in Kliniken zu vereinbaren. "Immer waren das Ärzte. Männer. Immer musste ich rauf auf diesen Stuhl und immer wurde ich von allen möglichen Leuten beglotzt. Das war so furchtbar." Dass sie therapeutische Hilfe zur Verarbeitung ihrer Besonderheit brauchen könnte, ist keinem der Ärzte aufgefallen.
Den XY-Frauen ist ein weibliches Erscheinungsbild gemeinsam. Ihr Chromosomensatz allein hat keinen Mann aus ihnen gemacht. Damit sich das genetische Geschlecht eines Embryos vollständig ausprägen kann, sind männliche Hormone notwendig, die Androgene. Diese wiederum müssen gebildet werden und auf Körperzellen treffen, die auf sie reagieren. Ist die männliche Hormonwirkung an der Körperzelle komplett oder teilweise blockiert, wächst ein Fötus mit weiblichem Erscheinungsbild heran.
Intersexualität
Intersexuelle Menschen sind nicht eindeutig weiblich oder männlich entwickelt. Im Pschyrembel Wörterbuch Sexualität ist für alle Formen der Intersexualität gemeinsam eine Häufigkeit von 1:500 angegeben. In Deutschland würden demnach rund 160 000 Menschen zur Gruppe der Intersexuellen zählen. Andere Wissenschaftler gehen von wesentlich niedrigeren Zahlen aus. Nach ihren Schätzungen liegt das Verhältnis nur bei etwa 1:5 000.
Den sogenannten XY-Frauen ist ein männlicher XY-Chromosomensatz bei einem weiblichen äußeren Erscheinungsbild gemeinsam. Die XY-Frauen sind nur eine Form der Intersexualität. Im Internet gibt es Informationen und Kontakte zu Selbsthilfegruppen von XY-Frauen unter der Adresse www.xy-frauen.de Die Homepage des Vereins Netzwerk Intersexualität, dessen Vorsitzende die Lübecker Kinderärztin Ute Thyen ist, hat die Internet-Adresse: www.netzwerk-is.de
Ein Literaturhinweis zum Thema: Ulla Fröhling "Leben zwischen den Geschlechtern", Christoph Links Verlag, Berlin FR
Eva Schmid ist heute 29 Jahre alt. Gespräche über Kinder blockt die Grundschullehrerin mit dem Hinweis ab, sie habe sich die Eierstöcke entfernen lassen müssen. Eine kleine Notlüge: Den XY-Frauen fehlen meist Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke, Kinder können sie deshalb nicht bekommen.
Nach den Jahren des Schweigens und der Einsamkeit hat Eva Schmid mit Mitte 20 den Weg zu einer Psychotherapie und auch zur Hamburger Selbsthilfegruppe der XY-Frauen gefunden. "Das war ein großes Erlebnis", sagt sie. "Ich dachte ja immer, ich sei verrückt, ich ticke nicht richtig."
Auch Elisabeth Müller hat lange Zeit geschwiegen. Sie hat mit 16 Jahren vom Psychologen ihrer Mutter erfahren, was mit ihr los ist. Die Mutter hatte sie zwar von frühester Kindheit an regelmäßig zu Untersuchungen in eine Klinik in Hamburg gebracht, ihr aber nie erklärt, was da eigentlich untersucht wird. "Der Psychologe sagte, ich hätte männliche Keimdrüsen. Das war noch ok.", sagt die Kirchenmusikerin. Der Schock und die Tränen kamen dann, als die Mutter zu Hause von Hoden sprach: "Sie hat das Wort sehr gequält ausgesprochen."
Wenn die anderen Mädchen sich über ihre Periode unterhalten haben, hat Elisabeth immer so getan, als habe sie ihre schon lange. "Ich habe das gut gemacht. Es hat nie jemand was gemerkt", sagt sie ironisch. Die "emotionalen Gewitterstürme" hat sie ganz alleine ausgehalten. Lange Zeit hat Elisabeth Müller ihre Intersexualität scheinbar verdrängt. Erst als sie mit 21 Jahren mit ihrem ersten Freund zusammengezogen ist, klappte das nicht mehr so gut. Die Sexualität war schwierig und in der Klinik wurde ihr geraten, die Hoden entfernen zu lassen. Elisabeth Müller hat mit 24 Jahren der Operation zugestimmt. Heute aber, 17 Jahre später, sagt sie ärgerlich: "Ich habe eine Androgen-Resistenz. Deshalb muss man doch nicht gleich kastriert werden."
Beim Gespräch über Medizin und Ärzte kochen bei vielen Intersexuellen die Emotionen hoch. Klinikbesuche und neugierige Studentengruppen, die die Geschlechtsorgane der Kinder bestaunt haben, wurden als entwürdigend empfunden. Der dringliche Rat, niemanden etwas von der Diagnose zu erzählen, trieb die Betroffenen in die soziale Isolation und führte häufig zu psychischen Problemen.
In der Medizin vorherrschend war eine frühe Geschlechtszuweisung sowohl physisch als auch psychisch. Es galt der Glaube an die Machbarkeit des Geschlechts. Der Psychologe John Money aus Baltimore in den USA formulierte nach einer Studie mit intersexuellen Kindern in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die These, dass Neugeborene ohne klare Geschlechtszugehörigkeit neutrale Wesen seien. Erst die Erziehung verleihe ihnen eine Identität als Junge oder Mädchen. Ein Freibrief für die Chirurgen
Berühmt wurde der Fall von David Reimer, alias Bruce, alias Brenda. Auf den Rat von John Money hörend, beschlossen die Eltern von Bruce Reimer 1967, ihrem Sohn eine Geschlechtsumwandlung zuzumuten und ihn als Mädchen zu erziehen. Dem gesunden, acht Monate alten Jungen war zuvor bei einer Vorhautverkürzung der Penis verbrannt worden. Die verzweifelten Eltern hofften nun, aus dem Jungen ohne Penis ein Mädchen machen zu können. Mit 22 Monaten wird der Junge kastriert, eine Scheide wird geformt. Aus Bruce wird Brenda.
In den Veröffentlichungen von John Money wird ein artiges Mädchen mit typisch weiblichen Vorlieben und Attributen skizziert. Allzu glücklich kann Brenda aber nicht gewesen sein. Spätere Dokumentationen zeigen einen unglücklichen unangepassten Teenager. Sobald er von seinem Schicksal erfuhr, versuchte er mit einer Reihe von Operationen sein männliches Geschlecht zurück zu bekommen und nannte sich David Reimer. Am 4. Mai dieses Jahres hat sich der Kanadier im Alter von 38 Jahren das Leben genommen.
In diesem Monat beginnt eine von der Ärztin Thyen geleitete Langzeitstudie, die möglichst über 20 bis 25 Jahre laufen soll. Darin werden Daten zur Diagnose, den chirurgischen Eingriffen, der Zufriedenheit mit den Behandlungsergebnissen und der Lebensqualität möglichst vieler intersexueller Menschen gesammelt und ausgewertet.
Frances Art (Name von der Red. geändert) gehört zu den XY-Frauen, die in sehr begrenztem Umfang selbst entscheiden konnten, was aus ihnen wird. Auch ihrer Mutter hatten die Ärzte geraten, der Jugendlichen die genaue Diagnose zu verheimlichen und nur zu sagen, dass die Eierstöcke entfernt werden müssten und sie keine Kinder bekommen könne. Die Mutter sah das anders und bestand darauf, dass Frances die Wahrheit erfuhr. Mit 16 Jahren fand sie sich deshalb auf einem Krankenbett wieder und musste entscheiden, "ob ich ein Mann oder eine Frau sein wollte". Aber, sagt sie heute, was weiß man als Spätentwicklerin mit 16 schon von der Sexualität?
Von der Situation überfordert, entschied sich Frances Art für die weibliche Variante. Die Frage "Was bin ich?" stellt sich die 47-Jährige trotzdem häufig. "Hat es was mit meinen Chromosomen zu tun, dass mich Kleidung und Kosmetik überhaupt nicht interessieren? Bin ich schwul wegen des XY-Chromosomensatzes oder heterosexuell wegen der weiblichen Erscheinung und der kindlichen Sozialisation?"
In ihren Beziehungen mit Männern hat sie zwar immer schnell gesagt, dass sie keine Kinder bekommen kann, den Grund dafür aber verschwiegen. "Ich wollte die Beziehungen ja nicht gefährden", sagt sie. Als Frances Art 40 Jahre alt wurde, hat sie sich gefreut. Endlich war das Thema Kinder abgehakt. "Ich muss jetzt nichts mehr erklären, sondern habe einfach keine."
So weit ist Eva Schmidt noch nicht. "Das Thema nervt mich total", sagt sie gereizt. Für ihre Kolleginnen in der Grundschule ist die Familienplanung ein wichtiges und deshalb häufiges Thema, für sie selbst inzwischen nur noch lästig - und jedes Mal ein Hinweis darauf, dass sie anders ist.
Auch Anja Bornkamm hat keine Kinder. Wegen ihrer XY-Chromosomen wird sie auch keine bekommen. Aber sie hat ein Patenkind. Und das hat auch XY-Chromosomen. Die Eltern der Vierjährigen haben über die Selbsthilfegruppe nach einer Patin gesucht. Das Kind, so die Absicht, soll wis-sen, dass es mit seiner Besonderheit nicht alleine ist. Dass sie sich von anderen Kindern unterscheidet, weiß die Kleine schon heute: "Sie sagt immer, sie sei ein Mädchen mit Puzzleteilen eines Jungen", erzählt Anja Bornkamm.
Gegen die Rolle gewehrt
So unbefangen wie das Kind können die wenigsten Erwachsenen mit Intersexualität umgehen. Der Weg zur geschlechtlichen Identität ist weitaus steiniger, als bei eindeutig männlicher oder weiblicher Ausprägung. Bei Elisabeth Müller etwa riskierte lange Zeit einen heftigen Anpfiff, wer sie als Frau ansprach. Heute ärgert sie sich darüber noch immer, kann aber "etwas netter" damit umgehen. "Ich sehe zwar aus wie eine Frau und klinge auch so, aber ich bin keine", betont sie nachdrücklich und bezeichnet sich als "sehr weiblicher Zwitter".
Anja Bornkamm sieht sich ebenfalls nicht als Frau: "Das tue ich mir nicht mehr an." Immer wieder nimmt sie als männlich geltende Eigenschaften an sich wahr. Die Langstreckenläuferin interessiert sich für Technik, haut Männern gern mal auf die Schulter und hat einfach nicht "so eine gewisse weibliche Fürsorglichkeit", die sie bei Frauen beobachtet. Jahrelang hat sie trotzdem versucht, sich in das Rollenklischee einer Frau zu pressen. Sie hat es nicht geschafft und sehr darunter gelitten. "Ich bin einfach ein intersexueller Mensch", erklärt die 34-Jährige und hofft, als solcher eines Tages auch rechtlich anerkannt zu sein.
Die Erfahrungen in der Selbsthilfegruppe haben Elisabeth Müller, Eva Schmid, Frances Art und Anja Bornkamm sehr geholfen. Alle glaubten lange Zeit, mit ihrem Anderssein alleine zu sein. Angesprochen auf den ersten Kontakt mit einem anderen intersexuellen Menschen gerät Elisabeth Müller ins Schwärmen: "Ich habe mich nur gefreut, war glücklich, froh und erleichtert." Da waren tatsächlich Menschen, die genauso waren wie sie. "Ich musste mich", fügt sie etwas leiser hinzu, "nicht mehr als Monster sehen."
Quelle: fr, 08.09.2004
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