Mainz: Transsexueller darf Gardist bleiben

14.12.2004


Im Führer der Mainzer Garden ist die Uniform der 1886 gegründeten Mombacher Prinzengarde beschrieben: Männer tragen die Uniform des ersten Großherzoglichen Hessischen Infanterie-Regiments Nr. 115; Frauen tragen zur Uniformjacke einen Faltenrock und unter dem Dreispitz eine weiße Perücke. Was aber, wenn die Unterscheidung zwischen Mann und Frau strittig ist? Dieser Fall trat im Januar 2003 ein. Justin D., der damals noch Stephanie hieß, wollte eine Männeruniform tragen. Er habe sich von Kindesbeinen an als Junge im Körper eines Mädchens gefühlt und wolle seine wahre Identität auch im Trommlercorps nicht verbergen. Seine Eltern, beide seit Jahren aktive Mitglieder der Prinzengarde, unterstützten ihn.

Der Vorstand hatte für das ehemalige Gardemädchen, das sein Vereinsleben als Mann fortsetzen wollte, kein Verständnis. Damit werde ein Präzedenzfall geschaffen, der die ganze Tradition durcheinanderbrächte, hieß es. Auf die Ablehnung reagierte Justin D. mit einem Brief, den sein Anwalt Jörg Schmenger jetzt als "Frustschreiben" bezeichnet. Von Heuchelei und Doppelmoral war die Rede und davon, daß er den Verein verlassen werde.

Dem Vorstand kam diese - von Justin D. später bereute - Drohung offenbar gerade recht. Er schloß den transsexuellen Gardisten wegen "vereinsschädigenden Verhaltens" aus. Auch die Eltern und die Freunde des Ausgeschlossenen hatten fortan mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie würden die Vereinsarbeit untergraben, hieß es. Zum Eklat kam es bei einer "Amazonensitzung" in diesem Jahr. Justin D. soll auf ein Vorstandsmitglied losgegangen sein und Gäste mit Bier überschüttet haben - einen Vorwurf, den er vor Gericht bestritt. In der Folge wurden wechselseitig Vorwürfe erhoben und Beleidigungen geäußert, die das Verhältnis vollends zerrütteten. Schließlich schloß der Verein die Eltern ebenfalls aus.

Das Urteil des Gerichts nahm Justin D. gestern mit Genugtuung auf. Offenbar konnte der Richter kein Verhalten erkennen, das einen Ausschluß rechtfertigte. Obwohl der Zwanzigjährige somit weiterhin Mitglied des Vereins ist, dem er schon als kleines Kind angehörte, will er sich zurückhalten. "Es gilt nun, eine Eskalation zu vermeiden", sagte sein Anwalt. Justin D. wolle die Verständigung suchen und auf den Vorstand zugehen. Auf die Teilnahme an der demnächst beginnenden Kampagne muß er wohl verzichten. Ähnlich ergeht es seinem Vater, der das erste Mal seit Jahrzehnten nicht in der Prinzengarde marschieren wird. Auch er will für seine Mitgliedschaft auf dem Rechtsweg streiten. Die Mutter hingegen hat sich enttäuscht vom Verein abgewendet.

Die öffentlich ausgetragene Auseinandersetzung um die älteste Mainzer Vorort-Garde hat im Mombacher Vereinsleben Spuren hinterlassen. Die Prinzengarde sieht sich durch die Ereignisse in ihrer Existenz bedroht. Längst gehe es nicht mehr um die Frage, ob ein Transsexueller eine Herrenuniform tragen dürfe, sagte der Anwalt des Vereins, Carsten Wieland. Grund für den Ausschluß seien Justins Provokationen und persönliche Anfeindungen gewesen. Für ihn sei es vor allem eine Prinzipienfrage, im Verein zu bleiben. Mit der Gerichtsentscheidung werde sich der Vorstand deshalb nicht abfinden und in Berufung gehen. Es sei schwer vorstellbar, daß Justin künftig wieder an Sitzungen oder Umzügen teilnehme. "Schließlich lebt ein Karnevalsverein vom Frohsinn und von der Gemeinsamkeit."  trau.

faz, 14.12.2004